Unsere Kinder dürfen nicht umsonst gestorben sein. Ihr Tod muss das Ende sein, das Ende rassistischer Angriffe. Ihr Tod soll ein Anfang sein von etwas Neuem. Von Schulen ohne Rassismus und von einem Zusammenleben, in dem wir alle gleiche Rechte haben. Keiner entscheidet sich mit welcher Nationalität er geboren wird. Keiner entscheidet sich für schwarze oder blonde Haare.

Wie kann es sein, dass das ein Grund dafür ist zu morden?

Die rassistische Minderheit, die außer sich selbst alles andere auf dieser Welt hasst, muss entwaffnet werden.

Wenn wir das geschafft haben, dann werde ich am Grab meines Sohnes stehen und sagen: Das war Dein Kampf und Du hast es geschafft.

Ich bin Serpil Temiz Unvar

Ich bin Serpil Temiz Unvar, die Mutter von Ferhat Unvar, der am 19. Februar 2020 bei dem rassistischen Anschlag in Hanau ermordet wurde. Dieser Anschlag hat mir mein Kind entrissen. Er hat gleichzeitig vieles aufgewühlt und mich damit konfrontiert, wo wir bereits vorher Rassismus erlebt haben.
Unmittelbar nach dem Anschlag, am 4. März 2020 habe ich Bundeskanzlerin Merkel einen Brief überreicht, in dem ich die Gründung einer Stiftung angekündigt habe. Seitdem arbeite ich mit Freundinnen und Unterstützerinnen an dieser Idee, von der ich mehr denn je überzeugt bin. 

 Antirassistische Bildung und Empowerment in Gedenken an meinen Sohn Ferhat 

Am meisten beschäftigt mich die Situation in den Schulen. Ich denke viel darüber nach, wie oft wir uns über die Schule gestritten haben. Ferhat war ein hochbegabtes Kind, sehr intelligent und sehr lebendig. Manchmal war es nicht einfach mit ihm. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Lehrer ein „Ausländerkind“ oft nicht akzeptieren. Ferhat hat immer wieder diese Erfahrung gemacht. Und ich habe immer wieder zu ihm gesagt: Du musst mehr arbeiten als die anderen, weil Du nicht die gleichen Chancen hast wie die deutschen Kinder. Er hat sich sehr angestrengt. Aber wenn er gespürt hat, dass die Lehrer gegen ihn waren, dann hat er es nicht aushalten können. Es hat mein Verhältnis zu meinem Sohn sehr belastet. Ich hätte mir gewünscht, mit anderen Müttern darüber sprechen zu können. Deswegen möchte ich einen Raum öffnen für antirassistische Bildung und Empowerment, in Gedenken an meinen Sohn Ferhat. Wir müssen etwas verändern. Für die Zukunft so vieler anderer Kinder.

 Die Bildungsinitiative Ferhat Unvar: Was wir tun 

– Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die rassistische Diskriminierung in der Schule erfahren und deren Mütter
– Beratung, Gruppenaustausch, Selbsthilfe
– Durchführung von Seminaren und Workshops zur Stärkung von betroffenen Müttern und Kinder
– Entwicklung von Sensibilisierungskonzepten für Lehrer:innen und Schulträger
– Schulbesuche und Austausch mit kritischen Lehrer:innen
– Erstellung von Materialien für Mütter, Schüler:innen und Lehrer:innen

Die Bildungsinitiative Ferhat Unvar beginnt am 14. November – dem Geburtstag meines Sohnes Ferhat – mit ihrer offiziellen Arbeit. Das Logo mit dem Bild seines Bruders hat mein jüngster Sohn Mirza gezeichnet. Wir vernetzen uns mit bestehenden Initiativen und vor allem Betoffenen, um die Bedürfnisse besser zu kennen und Angebote, Formate und Methoden zu entwickeln. Wir brauchen langen Atem – und freuen uns über Unterstützung.
Bitte kontaktieren Sie uns bei Fragen oder Ideen. Danke.

 Unterstützung 

Spendenkonto:
Lückenlos e.V.
IBAN: DE19430609674108589900
BIC: GENODEM1GLS
GLS Bank Bochum
Verwendungszweck: „Bildungsinitiative Ferhat Unvar“

 Gedichte von Ferhat aka Hudson D. Kalash 

17. Oktober 2015:
Tot sind wir erst, wenn man uns vergisst.

19. Dezember 2016
Ich könnt heulen vor Wut
Diese Dummheit treibt mich zur Weissglut.
Ich schau in die Ferne
und frag mich, wann wird alles wieder gut?
Denn egal was auch passiert, ich hör erst auf zu kämpfen,
wenn meine Seele im Jenseits ruht.

20. Dezember 2016:
Diese Wut frisst mich auf,
treibt den Schweiß auf meine Stirn
Die Welt verrottet vor sich hin
und kein’ scheint’s zu interessieren

21. Dezember 2016:
1945 schrie ein Land »Mit uns nie wieder!«
plötzlich gibt’s die AfD, besorgte Bürger und Pegida

14. April 2017:
Hör auf zu weinen
wisch dir deine Tränen weg
Ich weiss selber
Wie bitter dieses Leben schmeckt.

9. Oktober 2017:
Fast acht Milliarden Menschen
Doch die Menschlichkeit fehlt

Alle Fotos: © privat